Holy Mountain: Vergänglichkeit

18.8.

Die nächste Lodge liegt spektakulär direkt am Fuß eines heiligen Berges.

Unterwegs habe ich plötzlich Netz. Die Nachrichten trudeln auf meiner mongolischen SIM-Card ein.

Ich erfahre, dass meine Cousine ganz plötzlich gestorben ist. Während der langen Autofahrt habe ich Zeit, mir über das Leben und die Endlichkeit Gedanken zu machen, auch die eigene. Das Bewusstsein, nicht mehr ewig Zeit zu haben, um alles zu erleben, was man noch möchte, wird von Jahr zu Jahr stärker. Manches wird man nicht mehr schaffen, dafür wird anderes kommen, womit man nicht rechnet, erfreulich oder unerfreulich, wer weiß es. Jedenfalls ist Aufschieben immer weniger eine Option.

Nachmittags fahren wir in die Berge zu einem kleinen buddhistischen Tempel, der  sich malerisch am Ende eines engen Tals an die Felsen schmiegt. Auch er ist ein armseliger Ersatz für ein Kloster, dass in der „religionslosen Zeit“ von den Kommunisten niedergebrannt worden ist. Die Priester der Klöster wurden zum größten Teil erschossen oder lebendig begraben, die Schätze vernichtet, bis auf wenige Reste, die einzelne Mönche oder deren Familien versteckt oder vergraben hatten. Kulturrevolution auf mongolisch, es müssen auch hier unfassbare kulturelle Werte zugrunde gegangen sein.

Wir wandern zurück zum Camp, wo wir kalt duschen, da es erst ab 20.30 Uhr warmes Wasser gibt. Falls. es. überhaupt. Zum Abendessen gibt es Buuz, mongolische Teigtaschen, fleischgefüllt, ganz lecker, falls man Fleisch mag.

 

19.8.

In der Nacht tost der Wind um die Jurte, begleitet von Wetterleuchten, die Welt scheint unterzugehen, zumindest fürchte ich, dass die Jurte wegfliegt. Die ist aber stabil und bewegt sich nicht. Irgendwann schlafe ich ein.

Das Morgenlicht über der Ebene und in den Felsen verzaubert mich. Der Moment, in dem ich die Tür öffne und herauskrabble ins taufrische Gras, gebadet in die ersten Sonnenstrahlen mitten in der Natur, entschädigt für die Unbequemlichkeiten der Nacht. Das ist der Moment, in dem ich Leute verstehe, die Campen mögen.

Wir fahren über endlose Sandpisten zum Ögii-See, begleitet von Schafen, Ziegen, Kühen und Pferden, die vor uns die Fahrbahn kreuzen oder am Rand neugierig beobachten, wer da noch so kommt. Auch die ersten Kamele stehen am Wegesrand.

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Die Weite der kargen Landschaft ist grandios. Ein Spaziergang um den riesigen See führt uns zu Vogelparadiesen und einer mumifizierten Kuh , Schilf und einer mongolischen Familie auf Badeausflug.

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Duschen geht wieder nur abends, mehr Strom speichern die Solarzellen nicht. Die Jurten werden nicht luxuriöser.

20.8.

Je weiter wir uns von Ulan Bator entfernen, desto schlechter werden die Straßen. Man kann schon kaum mehr von Piste reden. Die Schlaglöcher sind mannshoch, teilweise fahren wir über ungespurte Wiesen und durch trockene Flusstäler. Es ist mir schleierhaft, wie die Fahrer immer die Orte finden, Beschilderungen existieren nicht.

Unser Ziel ist Tsetserleg, die Kreisstadt eines Aimags, d.h. Bezirks. Hübsche bunte Dächer kündigen den Ort an, der am Fuß eines Berges liegt.

Die Innenstadt ist weniger malerisch. Wir besuchen einen Markt, der nicht ansatzweise an die Vielfalt südostasiatischer Märkte herankommt. Es gibt einiges an Milchprodukten, getrockneten Quark in allen möglichen Formen, eine Fleischabteilung, ein paar wenige Stände mit Obst und Süßigkeiten und die örtlich wohl wachsenden schwarzen Johannisbeeren.

Es ist schwierig, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Kein Mensch kann Englisch, die Schrift ist abgewandeltes Kyrillisch, außer sich anlächeln geht eigentlich gar nichts. Und das tun die wenigsten. Ich habe den Eindruck, dass die Mongolen uns bestenfalls völlig uninteressant finden. Das ist das erste Mal, dass ich in einem Land bin, in dem ich mich nicht freundlich aufgenommen fühle. Selbst die im Tourismus tätigen Leute, die in den Jurtencamps arbeiten, ignorieren uns geflissentlich. Kaum einer lächelt freundlich, der Eindruck von Unnahbarkeit entsteht.

In einem alten Kloster findet sich das Aikhangar Aimag Museum für Alltagsgegenstände, sehr hübsch aufgebaut mit vielen Exponaten und hübschen, naiven Bildern, auf denen der Gebrauch der einzelnen Gegenstände erklärt ist.

Unser heutiges Ziel ist nach einer weiteren Fahrt von 180 km ein Monolith in einem Flusstal, der Taikhar Rock, in den viele alte Schriften eingraviert sind, die aber leider zum Großteil entweder völlig verwittert sind oder von modernen Graffiti übermalt. Er steht einsam in der Landschaft, falls man die Touristen und die Ger-Camps drumrum abzieht.

Wir spazieren zu mehreren das Flusstal entlang, bis uns Millionen Mücken zum Umkehren zwingen.

Hier gibt es gute, heiße Duschen, eine Wohltat. Dafür sind die Matratzen eine Zumutung, etwa 3 cm dick auf ungleich hohen Brettern. Man kann anscheinend nicht alles haben.

 

 

 

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