Zen

Ab und zu muss man mal etwas Neues ausprobieren, damit’s nicht langweilig wird. Also habe ich mich mit meiner Freundin Elke bei einem Zen-Meditations-Seminar im Bayerischen Wald angemeldet.

Das hat zum einen den Charme, dass ich noch nie im Bayerischen Wald war (Schande, ich weiß!) und schon lang mal da hinfahren wollte. Das Seminarhaus liegt mitten im Nationalpark, auf einer Lichtung im tiefen Wald, zwischen dunklen Fichten, begrenzt von einem Flüsschen, der Flanitz. Ein extrem friedlicher und ruhiger Ort. Außer Vogelzwitschern hört man nichts, beim Spaziergang über die Wiese gluckert der Bach, gelegentlich wiehert ein Pferd vom nahegelegenen Reiterhof. Die Stille ist absolut, fast wie in der Wüste, nur ist es die Stille eines der letzten Urwälder Europas, der uns umgibt.

Zen-Meditation hat mich auch schon immer interessiert, diese ganz strenge Form mit durchgehendem Schweigen wollte ich schon lang mal ausprobieren.

Das Seminar geht von Freitag nachmittag bis Sonntag mittag. Es beginnt mit dem Abendessen, da dürfen wir noch ein bisschen reden und unsere Tischnachbarn kennen lernen.  Dann gibt es eine kurze Einführung, ab da herrscht Schweigen. Am Abend haben wir schon die ersten zwei Einheiten Meditation mit je 25 Minuten, dazwischen Gehmeditation. Alles wird von vielen Verbeugungen vor dem eigenen Platz, der Gruppe, dem Meister und dem Altar begleitet. Die ritualisierten Verbeugungen geben den Meditationen einen Rahmen und strukturieren das Ganze. Gesprochen wird nicht, nur der Meister darf zwischendurch Ansagen machen oder etwas erklären.

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Ungewohnt ist vor allem das Schweigen beim Essen. Wir sitzen mit völlig Fremden am Tisch und dürfen uns nicht austauschen. Dafür konzentrieren wir uns auf die Mahlzeit, die am ersten Abend aus einer hervorragenden Gemüsesuppe und Käsebroten besteht und schmecken jeden Bissen des selbst gebackenen Brots wesentlich intensiver als sonst. Dazu gibt’s Tee aus gartenfrischer Minze.

Die Meditationsrunden finden in einem recht stimmungsvollen Raum mit sehr schönem Parkett statt. Der Altar besteht aus einer verzweigten Wurzel, an der ein Holzkreuz aus zwei Ästen angebracht ist, auf einem Ast steht ein Bodhisattva, auf einem anderen ein tanzender Shiva. Darüber hängt ein Davidstern und eine islamische Kalligraphie. An der Wand dominiert eine große japanische Schriftrolle. Die dunkelblauen Sitzmatten aus Schaumgummi sind für uns vorbereitet, wir dürfen Meditationskissen und Decken darauf ausbreiten, um bequem zu sitzen.  Ich bin überrascht, wie leicht es mir fällt, komplett abzuschalten und über gar nichts mehr nachzudenken. Um halb zehn gehe ich schlafen, bin total platt.

Der Samstag beginnt um 6.15 Uhr mit dem Weck-Gong. Mein Zimmer hat einen schönen Blick nach Osten auf den Garten, eine Blumenwiese. In die Gräser sind Bahnen geschnitten, so dass verschiedene Wege begangen werden können. Das ist wichtig für die Geh-Meditation, die immer zwischen den Sitzungen stattfindet,  entweder streng geregelt im Raum  oder eben freier draußen. Es ist auch einfach schön, auf dem feuchten Gras barfuß zu laufen und jeden Schritt zu spüren. Die Wiese ist recht nass von den Regenfällen der letzten Tage und von dem Feuchtgebiet, das der Bach mit sich bringt. Wir bekommen kalte Füße und fühlen uns der Natur verbunden.

Macht nichts, erst kommt ja die Aufwach-Gymnastik mit einigen Yoga und Chi Gong Übungen. Dann zwei Runden Meditation, dann Frühstück mit heißem, frischgebackenem Brot und selbstgemachtem Frischkornmüsli.

Der Tag läuft gut. Es ist sehr interessant, dass wir ja eigentlich den ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen nur mit halbgeschlossenen Augen dasitzen, in den Pausen im Garten auf und abgehen und nicht reden und trotzdem ist es nicht langweilig. Anstrengend, ja, das Sitzen im gekreuzten Sitz ist sehr fordernd für den Rücken, man soll ja immer gerade sitzen. Manche holen einen Stuhl, geht auch, andere sitzen im Kniesitz auf einem Bänkchen, das ist aber alles nichts für mich. Ich sitze am liebsten im gewohnten Schneidersitz mit ein paar Decken unter den Knien auf einem Meditationskissen.  Ich weiß gar nicht, was ich alles so zusammengedacht habe in der Zeit, da ist irgendwie ein großes Loch. Scheint so, als hätte ich wirklich zeitweise völlig abgeschaltet. Jedenfalls konnte ich das Parkett ausführlich kennenlernen und bewundern.

Während der Vormittagseinheit lernen wir Kelsaku kennen, gezielte Schläge auf die Schultern mit einem Holzstock. Sie dienen dazu, den Meditierenden wieder aufzuwecken, wenn er abdriftet und seine Energie anzukurbeln. Interessant. Man bittet den Meister per Handzeichen, dass man auch einen Schlag möchte, er kommt und man bietet ihm  erst die eine Schulter dar, dann die andere. Es tut nicht weh und energetisiert sofort. Die Nackenmuskeln lassen sofort nach, Entspannung folgt.

Nachmittags ein Highlight: Das Doxan, ein Einzelgespräch mit dem Meister. Das ist auch stark ritualisiert, man verbeugt sich andauernd und er muss das Gespräch beginnen. Ich frage ihn, ob ich was falsch mache, weil ich seit Jahren regelmäßig mit und ohne Gruppe meditiere und nicht die Spur von gefühlsmäßigen Höhen und Tiefen durchlaufe wie anscheinend viele andere. Ich finde es erholsam, morgens macht es mich wach, bei so einem Seminar genieße ich die Gemeinschaft und die Stille, aber das war’s dann auch schon. Keine Tränen, keine Gefühlsausbrüche, keine überraschenden Botschaften aus dem Unterbewusstsein, nix. Ich sitze halt da und fühle mich wohl oder langweile mich oder denke irgendwas zusammen oder beobachte meinen Atem, Körper und versuche, präsent zu sein. Mehr passiert da nicht. Er ist ein bisschen ratlos und meint, ich soll weiter üben oder vielleicht sei Meditation nicht mein Weg. Oder ich habe so starke Barrieren zwischen Kopf und Bauch, dass irgendwann alles auf einmal aufgeht. Tja. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Abends gehe ich eine Runde spazieren und entdecke die Tierwelt im Urwald.

Wir meditieren weiter. Alles läuft prima, bis zum nächsten Vormittag. Da bekomme ich eine email, über die ich mich maßlos ärgere. Ich Depp hab natürlich wieder zwischendurch auf’s Handy geschaut. Da hat man schon kaum Netz und miserablen Internetzugang und kann sich immer noch nicht beherrschen. Ab da war es dann aus mit der beschaulichen Kontemplation. Der Ärger kreist den ganzen Vormittag in meinem Kopf rum, Konzentration auf den Augenblick unmöglich. Also doch Zugang zu den Gefühlen, nichts mit Gelassenheit.

Beim Mittagessen dürfen wir dann endlich reden und die anderen kennen lernen. Es ist interessant: man sitzt zwei Tage mit 10 Leuten in einem Raum und starrt den Fußboden an, ohne einen Satz mit denen zu sprechen und hinterher fühlt man sich verbunden, als wäre man seit Jahren befreundet. Absolut spannend. Alle sind sich einig, dass das eine extreme Erfahrung war, körperlich und geistig. Manche sind an ihre Grenzen gekommen, vor allem das lange Sitzen hat die Leute erschöpft.

Ob ich das nochmal machen würde? Na klar! In Zeiten totaler Anspannung oder beruflichen Overkills ist das die ideale Übung, um runterzukommen. Allerdings würde ich mein Handy ganz ausschalten, um wirklich weg von allem zu sein. Ich denke aber, länger als 1,2 Tage wäre mir dann doch etwas fad. Wer weiß.

Redentore

15.7.

Die Ausstellung im Palazzo Grassi, Damien Hirsts „ Treasures from the Wreck of the ‚Unbelievable‘“ ist mein Vormittagsprogramm.

Es geht um einen Schatz, der vor einigen Jahren aus einem Schiffswrack gehoben wurde. Das Schiff gehörte einem ehemaligen Sklaven, der Kunst aller Art gesammelt und auf ein Schiff gebracht hat, das vor 2000 Jahren im Indischen Ozean gesunken ist.  Die Artefakte wurden teils restauriert, teils kopiert, teils zeigt die Ausstellung Replika der Gegenstände, so wie sie gehoben wurden, teils Rekonstruktionen der gereinigten Schätze. Die Geschichte der Bergung illustrieren zwei Filme, sehr interessant und geheimnisvoll.

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Alles toll und beeindruckend, ehrfürchtig wandere ich durch die historischen Säle mit der hohen Kunst, bis ich zu diesen Artefakten komme:

Irgendwas stimmt hier nicht.

Am Abend erfahre ich die Wahrheit: Es gab weder den Sklaven, noch das Schiff, noch den Schatz. Alles erfunden und hergestellt von Damien Hirst. In der Ausstellung selbst weist nichts auf die Täuschung hin, außer Micky Maus und Co.. Tolle Geschichte. Total irre Idee, passt gut nach Venedig, die Stadt changiert ja ständig zwischen Kitsch und Kunst und Wahrheit und Kopie.

Gegen Abend laufen wir zu Matthias (auf dieser Reise heißen drei der vier Männer Matthias), der unser Boot vorbereitet hat. Dort wird es mit Speisen und Getränken beladen. Nach einer Pause in seiner Werkstatt  steigen wir ein und fahren in die Lagune, bepackt mit Unmengen Bier, Wein, Prosecco und Wasser, dazu feinstem Parmesan, diversen Salate und Broten.

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Wir ankern gegenüber den Podesten, von denen aus das Feuerwerk gezündet werden wird. Nach und nach kommen unzählige Boote, Yachten, Motorboote, Segelboote und gruppieren sich um uns herum.

Das Ufer ist  bevölkert von Leuten, die nicht das Glück haben, ein Boot zu besitzen. Alle essen, trinken, tauschen ihre Speisen, feiern das Ende der Pest, den Sommer und sich selbst und warten auf den großen Moment: um elf Uhr startet ein Riesenfeuerwerk, der Himmel brennt und glitzert, die Knaller werden von der Häuserfront auf beiden Seiten der Lagune zurückgeworfen, so dass es klingt wie eine Begleitung im Takt durch riesige Trommeln. Fantastisch, einmalig, ein seltenes Erlebnis, so etwas mitten drin und vom Wasser aus zu sehen.

Da spielt es schon keine Rolle mehr, dass es auf den Booten keine Toiletten gibt und die Frauen sich mit einem Eimer behelfen müssen. Wohl der, die ein Kleid anhat.

16.7.

Wir  treffen uns in einem Café an der Via Garibaldi zum Cappuccino. Ein letzter Spaziergang entlang der Promenade, dann bringt uns ein Vaporetto zum Bahnhof.

La Serenissima: Touristen, Kunst und Biennale

14.7.

Ich wache um 8.00 Uhr von durchgehendem Rauschen vor dem Fenster auf. Meine gründliche Recherche  der Wetter-App vor der Abreise hat ergeben, dass das ganze Wochenende nur Hitze und Sonne zu erwarten ist. Es schüttet. Es blitzt. Es donnert. Ich habe keine Regenjacke dabei. Wetter Online kündigt mittlerweile an, dass das bis mindestens Mittag dauert. Diesmal haben sie wahrscheinlich recht. Ich werde eine Jacke kaufen.

Shoppen in Italien ist ja eher was Schönes. Falls man nicht ertrinkt vor dem Kaufvergnügen. Also leihe ich mir an der Rezeption einen Schirm.

Fast gleichzeitig hört es auf zu regnen.

Schon routiniert fahre ich mit dem Vaporetto über den Kanal und schlängle mich durch enge Gassen zu der Wohnung, die Matthias mit seinen Freunden gemietet hat. Im dritten Stock eines Hauses gelegen, mit Dachterrasse im vierten, ein Traum. Blick über die Stadt, rote Dächer im Morgenlicht.

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Dann ziehe ich los, weil die anderen lieber einkaufen wollen und kochen und chillen. Ist ja alles nicht so meins, ich mag lieber die Stadt anschauen. Ich laufe ohne besonderes Ziel durch Sträßchen, an Kanälchen vorbei und über Brücken und lande zunächst in einem Giardino, der Teil der Biennale ist.

Nach dem Kunstgenuss schlendere ich durch die Stadt und lande natürlich da, wo alle landen, auf dem Markusplatz. Die Kirche spare ich mir, die Schlange ist zu lang und ich habe die 4000 qm Goldmosaiken ja schon gesehen. Millionen Touristen ziehen durch alle Gassen, der Cappuccino beim Café Florian kostet 12,50 €, für einen Espresso nehmen sie 6,50 €, alles beim Alten in der schönsten Stadt der Welt. Ich laufe weiter, an hunderten Souvenirshops vorbei. Die Straße zur Rialto-Brücke ist so voll, dass ich nicht reinkomme. Auch da war ich schon, also kein Problem, ich gehe einfach weiter, bis die Gegend wieder etwas einsamer wird.

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Am Ende lande ich in der Accademia und schaue mir die Gemälde an, um mich von den Menschenmassen zu erholen.

Danach schlendere ich wieder Richtung Zentrum zurück, schaue mir noch eine Ausstellung der Firma Illy an, in der ihre Espressotassen thematisiert sind. Ganz lustig, die Biennale ist überall.

Die Schönheit dieser Stadt ist unwirklich. Leider finde das nicht nur ich. Der Trubel stört die Mystik enorm. Gestern Abend, als wir praktisch allein durch dunkle Gegenden gelaufen sind, kam das irgendwie besser raus. Mehr so Thomas-Mann-mäßig. Wahrscheinlich sollte man im November kommen.

Das Abendessen in einem wunderschönen Lokal mit wunderschöner Aussicht auf die Friedhofsinsel und die Alpen dahinter ist ein Gedicht. Thunfischtatar, Kartoffelsuppe mit schwarzen Trüffeln, ein weißer großer Fisch mit Pilzen und eine Mango-Kokoscreme als Nachspeise, dazu eiskalter Weißwein, das alles mit der Aussicht im Sonnenuntergang kann nicht falsch sein.