Namasté am Ammersee

Manchmal muss man nicht ins Weltall fliegen, um auf einem anderen Planeten zu landen, manchmal reicht ein Wochenendtrip an den Ammersee.

Karolin und ich haben uns zum Yoga Festival angemeldet. Bepackt mit Schlafsack, Isomatte, einem Haufen Jacken und Decken fahren wir hin. Der Plan ist, falls wir kein Zimmer kriegen, schlafen wir halt im Freien. Das Wetter ist schön, was spricht also dagegen.

Gegenüber vom Parkplatz in Herrsching sehen wir ein Gästehaus und beschließen, dort mal zu fragen. Das vergessen wir  gleich wieder und laufen durch den Ort bis zum See, wo angeblich Hotels zu finden sind. Nicht für uns. Wir finden bloß  Cafés und bestellen Cappuccinos und einen Eisbecher für mich, statt Mittagessen, das Karolin schon hatte. Der Kellner stellt das Eis zwischen uns. Ich ziehe es zu mir heran.  Hierüber regt der Kellner sich lautstark auf („ich stelle Eis zwischen Frau, Frau will alleine, gibt Freundin nichts! Gibt sowas! Frau will nicht abgeben! Freundin kriegt nix!“), alle Leute  schauen. Der hat Glück, dass ich im Freizeit-Modus bin und folglich gut gelaunt. Als ich das Eis nicht ganz aufesse, kriege ich einen zweiten Anschiss, wieder unter Teilnahme der gesamten Herrschinger Dorf-High-Society nebst Touristen. Fängt ja gut an.

Da fällt uns wieder ein, dass wir ja ein Zimmer suchen wollten. Die Tourist Info ist miserabel beschildert, als wir sie endlich finden, buchen wir das letzte freie Zimmer der ganzen Region  am Wörthsee, 8 km weiter.  Die Frau im Büro erklärt uns ungefähr drei Mal, dass der Wörthsee sowieso der viel bessere Badesee ist und was wir da alles machen können. Die wunderschöne oberbayerische Seenplatte und die Alpen und München so nah usw. Unser Einwand, das sei uns eigentlich egal, wir wohnen in München-Ost und kennen die Gegend und außerdem wollen wir bloß zum Yoga Festival, interessiert sie nicht. Sie hat ihren Spruch gelernt und den will sie loswerden. Na gut. Einmal Touri im eigenen Land.

Beim  Auto fällt uns ein, dass wir ja in dem Gästehaus fragen wollten. Den Weg durch die halbe Stadt hätten wir uns sparen können. Wir bekommen das Zimmer mit Seeblick. So ein Glück.

Wir machen uns auf den Weg zum Festival.

Es beginnt mit einem Willkommenskonzert. Ein Instrument namens Kirtan gibt Melodien vor zu Sanskrit-Texten, die offenbar alle außer uns kennen. Langhaarige Menschen in fließenden Gewändern singen und umarmen sich, als wären sie Liebespaare, die sich jahrelang nicht gesehen haben.

Wir sitzen auf unseren Matten und lieben uns nicht ganz so heftig, auch unser  glückseliges Lächeln ist eher etwas gezwungen, damit wir nicht so auffallen. Die Yogis flippen total aus. Mittlerweile tobt der Saal. Die Leute hüpfen und tanzen. Hare Krishna, hare krishna. Der neueste Hit der Mantraszene.  Sri Krishna, sharana mama.

Menschen europäischen Aussehens, die sich benehmen, wie sie sich vorstellen, dass es in indischen Ashrams zugeht. Geschlossene Augen, sich wiegen im Takt, alle sehr glücklich und erleuchtet.

Mir ist langweilig. Hoffentlich wird das noch was. Im Augenblick hätte ich  lieber einen Gin Tonic oder vielleicht eher zwei. Gibt’s hier natürlich nicht. Bloß grüne Smoothies und Süsskartoffeln mit Kraut und irgendwelche Samen. Streng vegan natürlich. Wieso schauen die alle so heilig und glücklich? Wenn’s nicht mal was Gescheites zu essen gibt? Geschweige denn zu trinken? Ich glaub denen nicht. Vorhin haben wir zwei heftig streiten gesehen, er so: „Dann amüsier dich halt mit den anderen Typen hier! Geh halt!“ Sie heult, das Kind erdrosselt sich solange im Fussballtornetz, keiner merkt’s. Als sie schon völlig aufgelöst ist, hält er sie ganz, ganz lang und fest und jetzt singen sie wieder glücklich. Schau, Spatzl, auch wenn du eine Schlampe bist, ich bin der große Guru und rette dich und nehme dich dann in Gnaden wieder auf. Konfliktlösung durch Mantrasingen.  Bin noch nicht so richtig drin in der Stimmung hier.

Nach dem Konzert die Überraschung: Klangbad. Wir legen uns auf den Boden, schließen die Augen und zwei Leute spielen alle möglichen Varianten von Glocken und Gongs.

Der Hammer. Innerhalb von Minuten drifte ich komplett ab, schlafe aber nicht ganz, sondern höre am Rande des Bewusstseins die Gongs, tief und vibrierend, melodisch, intensiv. Eine Stunde vergeht wie fünf Minuten, wir gleiten in tiefe Trance und werden ganz langsam wieder mit hellen Glöckchen herausgeholt. Da brauchst keine Drogen. Das reine Glück.

 

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