Sumatra

12.8. Freitag

In Medan betrete ich eine andere Welt. Ein netter junger Mann, höchstens 25, holt mich ab und bringt mich zu meinem Gästehaus in Bukit Lawang. Die Fahrt durch Medan in die Dschungel-Lodge dauert 5 Stunden, nicht wegen der 80 km Entfernung, sondern wegen des völlig irren Verkehrs. Der Junge, der mir später erzählt, dass er drei Kinder mit 17, 13 und 10 hat, also wohl doch ein bisschen älter ist als er ausschaut, gibt sich alle Mühe, mich heil heimzubringen. Hier geht’s zu wie in Indien, nur die Kühe fehlen. Also meistens. Eine Kuhherde ist uns dann doch begegnet, zwischen all den Hunden, Menschen, Motorrollern und Autos. Der Gestank ist unerträglich; die Deutschen sollen sich bloß nicht so haben mit ihren lächerlichen Feinstaubproblemen. Ich glaube, unter einem deutschen Diesel zu liegen ist eine Frischluftkur im Vergleich zu dem Dreck, den man hier einatmet.

Und so schaut die Stadt auch aus. Ich habe noch nie so ein riesiges Dreckskaff gesehen wie dieses Medan. Kein einziges Haus schaut ordentlich aus, außer vielleicht KFC, alles ist völlig heruntergekommen, die Läden und Restaurants im jeweiligen Erdgeschoss dito. Die Armut schreit einen an. Die Straßen verdienen zum größten Teil den Namen nicht, es sind breitere Trampelpfade mit Schlaglöchern, in denen man Kühe versenken könnte. Stundenlang stehen wir im Stau und quälen uns schrittweise voran.

Irgendwann wird es dann besser, also nicht etwa die Straße, die nicht, aber der Verkehr. Die Gegend wird dschungeliger, bis kaum noch Dörfer die Piste säumen und uns nur noch dichte Palmölplantagen umgeben. Das Abbrennen des Regenwaldes dafür tut natürlich das seine zur Luftverschmutzung. Irgendwann sind wir da.

Ich wechsele das Fahrzeug, vom Auto auf Crossbike, Kawasaki Extreme, was anderes hätte auch keinen Sinn bei der Fahrt, die nun folgt. Ich sitze hinter meinem Fahrer und halte mich an ihm fest, sowas wie Helme oder Schutzkleidung kennen die hier nicht. Meine Tasche fährt auf einem anderen Motorrad mit. So fahren wir etwa 20 Minuten durch den dichtesten Dschungel bei tiefster Dunkelheit, man sieht die Hand vor Augen nicht, nur der Fahrer kann den Pfad, der unwesentlich breiter ist als der Reifen, im Lichtkegel erkennen. Falls er nicht gerade durch Schlamm und Pfützen und Felsbrocken verdeckt ist. Ich schaue lieber nicht so genau hin und konzentriere mich auf die Bewegungen des Fahrers, damit ich ihn bei all den Kurven und Steigungen nicht aus dem Gleichgewicht bringe. Wir überleben, der Koffer auch. Abenteuer im indonesischen Urwald.

Vom Gästehaus Batu Kapal sehe ich  nicht viel, bekomme aber gleich ein Chicken-Curry vor die Nase gestellt, sehr lecker und genau rechtzeitig.  Bin schon gespannt, wie morgen die Aussicht ist.

13.8. Samstag

Ich sitze gegen Abend auf meiner Terrasse und schaue dem untergehenden Regen zu. Es kübelt, prasselt, schüttet was das Zeug hält, dazu blitzt und donnert es, wenn das so weiter geht, werde ich nichts zum Abendessen bekommen, denn in dem Wetter zum Restaurant rüberzugehen ist ausgeschlossen. Trotz Regenjacke.

Der heutige Tag war der Erholung gewidmet. Ich schlafe lang,   zum Frühstück  bekomme ich das Backpackerglück: Banana Pancakes mit pappsüßem Nescafé. Neben dem Tisch sitzen mittlerweile drei kleine Katzen und warten auf Zuwendungen, eine springt mir auf den Schoß.

Ich unterhalte mich ein bisschen mit dem Koch und verabrede mich zum heutigen Ausflug in die Stadt. Dann laufe ich am Fluss entlang und schaue, wo ich da eigentlich gelandet bin. „Mitten im Dschungel“ trifft es wohl am besten. Der kleine Fluss hat eine poolartige Vertiefung, die ich später sicher nutzen werde, um mich abzukühlen. Ansonsten nur Pflanzen, überall. Ich sehe ein paar Affen im Baum nebenan, einige Libellen und Schmetterlinge.

Gegen Mittag kommt der Besitzer des Gästehauses und nimmt mich auf seinem Crossbike mit nach Bukit Lawang. Heute sehe ich, welche Pfade wir da gestern gefahren sind. Abenteuerlich. Manchmal ist sogar „Pfad“ übertrieben, es handelt sich um abwechselnd Kies, Schlamm, Pfützen und Waldweg mit erstaunlichen Einsprengseln von Beton. Die Steigungen sind auch nicht zu verachten. Rauf und runter. Enge und weite Kurven. Und eine Hängebrücke, die ich allerdings zu Fuß überqueren soll, wahrscheinlich trägt sie das Gewicht von zwei Leuten auf einem Motorrad nicht. Dem morschen Zustand der Bretter nach dürfte sie eigentlich gar nichts mehr tragen.

Bukit Lawang besteht im Wesentlichen aus Guesthouses und Souvenirshops, dazwischen finden sich ein paar Kneipen. Nachdem ich ein bisschen durch die Shopping Mall gelaufen bin und einen Sarong und eine Hose für insgesamt 7.- € erstanden habe, treffe ich Nasib im Reggae-Café, wo es Wifi gibt.Ich gebe uns ein Bier aus und checke mal meine emails usw. Dann machen wir uns auf den Rückweg, Powerslide in the Jungle.

Das Wasser im Fluss ist eine Erholung, kühl und klar umschmeichelt es den Körper. An den tieferen Stellen muss man gehörig arbeiten, um gegen die Strömung anzukommen, also lege ich mich nach einer Weile ins Flache und halte nur den Kopf oben. Am Ufer sitzen ein paar junge Leute und spielen Gitarre. Als ich vorbei gehe, laden sie mich ein und bieten mir köstliche Mangos und gelbe Wassermelonen an. Ich höre eine Weile zu, dann verabschiede ich mich, weil ich noch für das morgige Trekking packen möchte.

Wenn ich allerdings jetzt so aus dem Fenster schaue, sehe ich schwarz, wir werden davonschwimmen.

 

3 Gedanken zu „Sumatra“

  1. Liebe Brigitte , sehr schöner und interessanter Reisebericht. Ich find es sehr interessant, was Du alles erlebst . Und mutig . Lieben Gruß Annette

  2. hallo Biggi, weiterhin viel Spass bei deinen Abenteuer-Reisen! Du schreibst unglaublich anschaulich und interessant. Das hast du aber nicht bei der Frau Grabau gelernt, oder? Lieben Gruss Marion

    1. Vielen Dank, freut mich, dass es dir gefällt. Ich glaub nicht, dass ich das in der Schule gelernt habe. Bei der Grabau hab ich Zweifel, ob die überhaupt noch am Leben war, als sie uns unterrichtet hat….

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