Schloss Werningerode und Banti-Cow Ranch

27./30.9.

Wenn ich schon da bin, möchte ich natürlich das Stadtschloss von Werningerode sehen. Ich frühstücke im Hotel, man kann nicht sagen, dass es schlecht besucht wäre. Der riesige Speisesaal ist voll, vermutlich einige Reisegruppen. Dann mache ich  mich auf den Weg zur Burg. Ich bin früh dran, das ist mein Glück. Ich bekomme einen Parkplatz gleich am Fuße des Weges zum Schloss und die Schlange am Ticketschalter ist 5 Minuten kurz. Als ich wieder rauskomme, stehen da ungefähr 100 Leute an.

Das Schlösschen ist eine wunderbar erhaltene Burg, erbaut in den Jahren 1110-1120, die weit ins Land hinein schaut. Innen ist sie mehrmals erneuert worden, so dass die Einrichtung mehr Jahrhundertwende  19. / 20. Jahrhundert zeigt. Viel Jugendstil, viel Art-Deco, aber auch historische oder historisierende Zimmer wechseln sich ab. Das Museum enthält original eingerichtete Wohnräume des deutschen Adels, insbesondere der Familie Stolberg-Wernigerode, bis 1918, außerdem Kunsthandwerk und Möbel des 16.-19. Jahrhunderts.

Jetzt reicht’s aber mit der Kultur. Mein nächstes Ziel ist die Banti-Cow Ranch in Bantikow in Brandenburg, wo ich eine Woche Reiturlaub gebucht habe. Ich bin schon gespannt, was ich noch kann, nachdem ich die letzten Jahre nur noch gelegentlich im Urlaub ausgeritten bin.

Die Strecke ist wunderschön, links und rechts Alleen, gelegentlich kleine Dörfer, hübsche Seen und Flüsschen. Wenig Verkehr, keine Menschen. Mein Navi schickt mich ein paar Mal in seltsame Richtungen, aber schließlich komme ich an, hinter Wusterhausen/Dosse liegt Bantikow, ein Ort, der nicht einmal einen eigenen Laden hat. Aber eine Western- Ranch, mitten im Nirgendwo an einem See. Ich werde freundlich begrüßt, alles sehr relaxt, so habe ich es mir vorgestellt. Beim Abendessen machen wir Pläne für den nächsten Tag, die Reitstunden werden eingeteilt. Am nächsten Morgen geht’s los.

Ich hoffe, ich habe nicht alles vergessen. Netterweise hilft mir Melli beim Aufsatteln und erklärt mir, wo  alles ist. Die Reitstunde läuft super, das Pferd versteht mich und ich fühle mich schon sicherer. Henrike, die Reitlehrerin, ist zufrieden, ich auch. Ich darf nachmittags mit den anderen ausreiten.

Da wird’s allerdings anspruchsvoll. Toni reitet endlose Trab- und Galoppstrecken, was ich überhaupt nicht gewohnt bin. Ich habe ein Pferd bekommen, das sehr hart geht und zudem noch einen harten Sattel hat, so dass mir am Ende alles wehtut. Meine Knöchel sind überdehnt, meine Knie schmerzen und ich bin nassgeschwitzt von der Anstrengung, die langen schnellen Strecken im leichten Sitz durchzuhalten, damit ich mich nicht blutig reite. Der Hintern fühlt sich entsprechend an. Wenn das jetzt so bleibt, wird’s schwierig.

Am nächsten Tag bin krank. Ich habe dermaßen Migräne, dass ich den ganzen Tag im Bett bleibe und Ibus einwerfe. Sowas habe ich sonst nie. Ich hoffe, dass das jetzt nichts Schlimmeres ist und vielleicht nur ein Zeichen, dass ich mich insgesamt übernommen habe, oder dass ich halt total verspannt bin wegen dem Ausritt. Abwarten und Whisky trinken ist die Devise. Abends gibt’s Hamburger vom offenen Feuer, danach muss Johnny Walker herhalten, erstaunlicher Weise scheint das die richtige Strategie zu sein.

Am Morgen bin ich wieder fit, reite entspannt im Unterricht und genieße den Ausritt, diesmal auf einem weicheren Pferd und eine weniger anstrengende Strecke. Man glaubt ja nicht, was das für einen Unterschied macht.

Quedlinburg

26.9.2020

Kennt ihr diese Tage, an denen man schon beim Aufwachen merkt, dass man eigentlich lieber liegenbleiben sollte? Die Augen brennen, der Kopf tut weh und es ist viel zu früh am Tag. Ich stehe trotzdem auf, ich will heute ja weiterfahren und muss noch packen und mein Auto holen. Da es angefangen hat zu regnen, nehme ich ein Taxi zu meinem Auto, keine Lust, mit Kopfweh und müde jetzt dahin zu latschen und das Auto zum Hotel zu bugsieren, durch ein Gewirr von Einbahnstraßen und Fußgängerzonen. 

Ich fahre los und stelle fest, dass eine Tankstelle ganz gut zu brauchen wäre. Es gibt aber weit und breit keine. Als ich mein Navi befrage, schlägt es mir einen Ort 15 km weit entfernt vor. Hm, danke für den Tipp, gut, dass ich rechtzeitig gefragt habe. Es geht wieder durch ausgestorbene Dörfer, die im Regen noch trostloser wirken. Meine Stadtführerin in Weimar hat meinen Eindruck der Verlassenheit bestätigt, sie meinte, alle, die eine vernünftige Ausbildung haben, sind schon weg. Da ist was massiv schiefgelaufen.

Irgendwann überquere ich die Grenze nach Sachsen-Anhalt, es wird noch einsamer. Die Straße führt durch Wälder und Hügel und vor allem Alleen, sehr malerisch, Dörfer gibt es nur noch vereinzelt und die sind auch nicht lebendiger.

Bis ich nach Quedlinburg komme. Ich suche eine Weile, bis ich einen freien Parkplatz finde, überall stehen Autos, Busse und Touristen herum. Die Stadt ist voller Menschen, in den Cafés bekommt man keinen Platz.

Ich schlendere im strömenden Regen durch den Ort, UNESCO Weltkulturerbe, die einzige vollkommen erhaltene Fachwerk-Altstadt der Welt. Die Stadt ist über 1000 Jahre alt, die Häuser aus verschiedenen Epochen. So Quedlinburg weiterlesen

Erfurt

25.9.2020

Nach dem Marathon gestern steht mir heute der nächste bevor. Ich habe zwei Führungen durch Erfurt gebucht, eine durch die Altstadt, eine auf den Petersberg zur Zitadelle. In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich nicht bedacht, dass ich zu dem Zeitpunkt schon seit Tagen kilometerlange Wanderungen durch Städte und Sehenswürdigkeiten unternehmommen habe und meine Aufnahmekapazität langsam an ihre Grenzen kommt. Aber da muss man halt durch. Das ist auch einer der Gründe, warum ich ganz gern ab und zu allein verreise: Wer macht sowas schon mit? Vor allem: Wer macht sowas mit und isst dann einen Apfel zu Abend, weil er zu erledigt ist, noch in ein Restaurant zu gehen?

Ich fahre also mit der Regio Bahn nach Erfurt und laufe Richtung Touristen-Info. Dabei komme ich an einigen sehr schönen Häusern vorbei, wie sich später herausstellt, sind die meisten uralt. Erfurt war immer eine reiche Stadt und konnte sich in diversen Kriegen von Zerstörung freikaufen. Später verlor es an Bedeutung und musste nichts mehr bezahlen für den Frieden, weil es keinen mehr interessiert hat. Im letzten Krieg hatte es einfach Glück. Die Amis waren schon fast einmarschiert, deshalb wurde Erfurt nur minimal und punktuell zerbombt, weil die Alliierten befürchteten, ihre eigenen Leute zu treffen. Die Substanz ist also zum größten Teil erhalten.

Sehr beeindruckend ist natürlich der Domberg mit den zwei Kirchen, von denen keiner weiß, welche die ältere ist und warum da zwei katholische Kirchen stehen, direkt nebeneinander. Das ist im Lauf der letzten 1300 Jahre irgendwie verloren gegangen.

Sehr hübsch auch die Krämerbrücke mit den vielen netten Kunsthandwerk-Läden. Ursprünglich standen da Buden mit lokalen Kostbarkeiten, die den durchreisenden Händlern Geschenke für die Daheimgebliebenen verkauften, bevor ihnen die Zollbehörde die Maut für die Durchreise abknöpfte.

Am Petersberg steht die Zitadelle, allerdings wird drumherum die Stadt für die Bundesgartenschau 2021 nahezu komplett umgebaut, so dass man nicht viel anschauen kann. Der tolle Blick über Erfurt von oben ist verstellt durch Kräne, Absperrungen und Erdhäufen. Wir besichtigen also hauptsächlich die unterirdischen Horchgänge. Soldaten auf der Zitadelle konnten dort feststellen, ob der Feind versuchte, einen Tunnel zur Festung zu graben, indem sie in den Gängen saßen und horchten, ob Kratzgeräusche wahrnehmbar waren. Kein angenehmer Job, es ist dunkel und eng und feucht dort unten, die Temperatur liegt bei 12 Grad Celsius. Teilweise wurden die kilometerlangen Gänge als Luftschutzbunker im 2. Weltkrieg benutzt, bis die Decke des Schutzraumes aufgrund eines Bombeneinschlags undicht wurde. Dort bilden sich heute Stalagtiten.

Auch interessant ist die Indigo-Produktion der Stadt. Hier wächst eine Pflanze namens Waid, die Indigo enthält. Allerdings müssen die zerkleinerten Blätter vergoren werden, was sich mit Harnsäure erreichen lässt. Um genug davon zu bekommen, haben die männlichen Einwohner Erfurts in früheren Jahren sehr viel Bier getrunken, das dann auf natürlichem Wegen wieder ausgeschieden und auf den Pflanzen verteilt wurde. Das Bier hatte allerdings einen sehr geringen Alkoholanteil, sonst hätten die braven Bürger den Weg in die Waidspeicher nicht mehr gefunden. Nach dem Gärungsprozess konnten dann Stoffe mit dem Sud gefärbt werden. Das mag alles gestunken haben!

Das Wetter ist heute, wie versprochen, umgeschlagen. Es ist im Vergleich zu den nächsten Wochen eisig, ein kalter Ostwind weht den ganzen Tag. Nach den zwei Führungen und der Bahnfahrt zurück nach Weimar bin ich erschöpft und mir ist kalt. Da hilft am Besten Nudelsuppe. Zum Glück ist nahe bei meinem Hotel ein vietnamesisches Restaurant, in dem ich eine wunderbare Pho Bo bekomme.