Bye Byron Bay

Die Realität bricht ein, wie letztes Jahr, durch einen Todesfall. Ein lieber Kollege hat den langen Kampf gegen den Krebs verloren. Die Nachricht erreicht mich in einer Zeit, in der ich mich lebendig wie lange nicht fühle und bringt mir unvermittelt deutlich wieder einmal zu Bewusstsein, wie kostbar und zerbrechlich das Leben doch ist.

Oder so:

„Never forget that every breath you take is precious. Don’t squander a second. Just pack everything you can into your lives and remember that this day, this hour may be your last. Seize the moment and avoid mediocrity! If you have the courage to step outside your comfort zones you will discover that life comes up with some miraculous rewards. Pack heaps of love into your life. Have a romantic, forgiving, compassionate heart and remember that honesty and integrity are the most respected of human virtues. “

Dem ist wohl nur hinzuzufügen, dass ich schon lange weiß, dass ich unendlich dankbar sein kann für mein Leben. Ich bin im 20. Jahrhundert geboren, in einer Zeit ohne Kriege, ohne Seuchen, ohne Katastrophen oder Hungersnöte, mit guter medizinischer Versorgung in einem reichen, freien Land, in dem uns allen alle Wege offen standen und stehen, ob wir nun Männer oder Frauen sind. Das allein ist schon außergewöhnlich, betrachtet vom Standpunkt der Menschheit als Ganzes. Hinzu kommt, dass ich freundliche und fördernde Eltern hatte, trotz schwerer Krankheit in meiner Jugend drei gesunde, wunderbare Kinder großziehen durfte, den Beruf meiner Wahl trotz vieler Widrigkeiten am Ende doch ausüben kann, keine finanzielle Not leide und harmonische Beziehungen mit meiner gesamten Verwandtschaft pflege. Wer kann das schon von sich sagen?

Und das kann jede Sekunde zerbrechen, durch äußere Ereignisse, durch Krankheiten, Unfälle und so weiter. Hierüber bin ich mir sehr bewusst und deshalb dankbar für jeden Tag, der ohne größere Katastrophen vergeht. Was natürlich nicht heißt, dass ich immer gut drauf bin und dass ich die Abgründe menschlicher Gefühle nicht kennen gelernt habe. Ich habe jedoch gelernt, auch Krisen als Chancen zur persönlichen Entwicklung zu begreifen, wenn auch nicht mitten drin in der Krise, dann jedenfalls hinterher, wenn’s nicht mehr ganz so schlimm ist…Das ist dann wohl Lebenserfahrung oder die Weisheit des Alters, wenn ihr so wollt. Dennoch im Herzen jung zu bleiben, das ist die Kunst.

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Am Sonntag  verlassen wir unser kleines Paradies und machen uns auf nach Byron Bay. Nach einem kleinen Zwischenstopp in einer zu einem Café umgebauten Kirche hat die Welt uns wieder. Der bevorstehende Abschied drängt in den Vordergrund.

Als wir am Montag nach Brisbane zum Flughafen fahren, steckt ein Kartoffelknödel in meinem Hals und eine Faust in meinem Magen. Was wird aus uns? Wie soll es weitergehen? Jeder von uns hat ein Leben, das er nicht aufgeben möchte oder kann, leider auf entgegengesetzten Kontinenten. Wir wollen diese Woche als einen Schatz in unseren Herzen behalten, ohne Reue und ohne Erwartungen für die Zukunft.

In Brisbane vertreiben  wir uns lustlos und gedrückt die Zeit in der Nationalgalerie.  In einem netten kleinen Park reden wir
schließlich über unsere durcheinander geratenen Gefühle. Letztendlich ist es ja immer so: Wenn man sich auf was einlässt, muss man die Konsequenzen tragen und wenn ich mich auf was einlasse, dann immer voll. Ich kann lauwarm einfach nicht. Und die Konsequenz ist dann halt meistens auch nicht lauwarm. Dafür habe ich’s aber gehabt, das volle Leben, und letztendlich finde ich, das ist es wert. Am Ende sagen zu können, ich habe gelebt und nicht nur die Lebenszeit irgendwie rumgebracht, ist doch ein gutes Ziel.

Schließlich fahren wir, unvermeidlich,  zum Flughafen, alles ist gesagt  und den Moment hinauszuzögern bringt auch nichts mehr.

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Im Flieger schlafe ich sofort völlig erschöpft ein und wache erst auf, als die Ansage für die Landung kommt.

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