Zen

Ab und zu muss man mal etwas Neues ausprobieren, damit’s nicht langweilig wird. Also habe ich mich mit meiner Freundin Elke bei einem Zen-Meditations-Seminar im Bayerischen Wald angemeldet.

Das hat zum einen den Charme, dass ich noch nie im Bayerischen Wald war (Schande, ich weiß!) und schon lang mal da hinfahren wollte. Das Seminarhaus liegt mitten im Nationalpark, auf einer Lichtung im tiefen Wald, zwischen dunklen Fichten, begrenzt von einem Flüsschen, der Flanitz. Ein extrem friedlicher und ruhiger Ort. Außer Vogelzwitschern hört man nichts, beim Spaziergang über die Wiese gluckert der Bach, gelegentlich wiehert ein Pferd vom nahegelegenen Reiterhof. Die Stille ist absolut, fast wie in der Wüste, nur ist es die Stille eines der letzten Urwälder Europas, der uns umgibt.

Zen-Meditation hat mich auch schon immer interessiert, diese ganz strenge Form mit durchgehendem Schweigen wollte ich schon lang mal ausprobieren.

Das Seminar geht von Freitag nachmittag bis Sonntag mittag. Es beginnt mit dem Abendessen, da dürfen wir noch ein bisschen reden und unsere Tischnachbarn kennen lernen.  Dann gibt es eine kurze Einführung, ab da herrscht Schweigen. Am Abend haben wir schon die ersten zwei Einheiten Meditation mit je 25 Minuten, dazwischen Gehmeditation. Alles wird von vielen Verbeugungen vor dem eigenen Platz, der Gruppe, dem Meister und dem Altar begleitet. Die ritualisierten Verbeugungen geben den Meditationen einen Rahmen und strukturieren das Ganze. Gesprochen wird nicht, nur der Meister darf zwischendurch Ansagen machen oder etwas erklären.

IMG_2820.jpg

Ungewohnt ist vor allem das Schweigen beim Essen. Wir sitzen mit völlig Fremden am Tisch und dürfen uns nicht austauschen. Dafür konzentrieren wir uns auf die Mahlzeit, die am ersten Abend aus einer hervorragenden Gemüsesuppe und Käsebroten besteht und schmecken jeden Bissen des selbst gebackenen Brots wesentlich intensiver als sonst. Dazu gibt’s Tee aus gartenfrischer Minze.

Die Meditationsrunden finden in einem recht stimmungsvollen Raum mit sehr schönem Parkett statt. Der Altar besteht aus einer verzweigten Wurzel, an der ein Holzkreuz aus zwei Ästen angebracht ist, auf einem Ast steht ein Bodhisattva, auf einem anderen ein tanzender Shiva. Darüber hängt ein Davidstern und eine islamische Kalligraphie. An der Wand dominiert eine große japanische Schriftrolle. Die dunkelblauen Sitzmatten aus Schaumgummi sind für uns vorbereitet, wir dürfen Meditationskissen und Decken darauf ausbreiten, um bequem zu sitzen.  Ich bin überrascht, wie leicht es mir fällt, komplett abzuschalten und über gar nichts mehr nachzudenken. Um halb zehn gehe ich schlafen, bin total platt.

Der Samstag beginnt um 6.15 Uhr mit dem Weck-Gong. Mein Zimmer hat einen schönen Blick nach Osten auf den Garten, eine Blumenwiese. In die Gräser sind Bahnen geschnitten, so dass verschiedene Wege begangen werden können. Das ist wichtig für die Geh-Meditation, die immer zwischen den Sitzungen stattfindet,  entweder streng geregelt im Raum  oder eben freier draußen. Es ist auch einfach schön, auf dem feuchten Gras barfuß zu laufen und jeden Schritt zu spüren. Die Wiese ist recht nass von den Regenfällen der letzten Tage und von dem Feuchtgebiet, das der Bach mit sich bringt. Wir bekommen kalte Füße und fühlen uns der Natur verbunden.

Macht nichts, erst kommt ja die Aufwach-Gymnastik mit einigen Yoga und Chi Gong Übungen. Dann zwei Runden Meditation, dann Frühstück mit heißem, frischgebackenem Brot und selbstgemachtem Frischkornmüsli.

Der Tag läuft gut. Es ist sehr interessant, dass wir ja eigentlich den ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen nur mit halbgeschlossenen Augen dasitzen, in den Pausen im Garten auf und abgehen und nicht reden und trotzdem ist es nicht langweilig. Anstrengend, ja, das Sitzen im gekreuzten Sitz ist sehr fordernd für den Rücken, man soll ja immer gerade sitzen. Manche holen einen Stuhl, geht auch, andere sitzen im Kniesitz auf einem Bänkchen, das ist aber alles nichts für mich. Ich sitze am liebsten im gewohnten Schneidersitz mit ein paar Decken unter den Knien auf einem Meditationskissen.  Ich weiß gar nicht, was ich alles so zusammengedacht habe in der Zeit, da ist irgendwie ein großes Loch. Scheint so, als hätte ich wirklich zeitweise völlig abgeschaltet. Jedenfalls konnte ich das Parkett ausführlich kennenlernen und bewundern.

Während der Vormittagseinheit lernen wir Kelsaku kennen, gezielte Schläge auf die Schultern mit einem Holzstock. Sie dienen dazu, den Meditierenden wieder aufzuwecken, wenn er abdriftet und seine Energie anzukurbeln. Interessant. Man bittet den Meister per Handzeichen, dass man auch einen Schlag möchte, er kommt und man bietet ihm  erst die eine Schulter dar, dann die andere. Es tut nicht weh und energetisiert sofort. Die Nackenmuskeln lassen sofort nach, Entspannung folgt.

Nachmittags ein Highlight: Das Doxan, ein Einzelgespräch mit dem Meister. Das ist auch stark ritualisiert, man verbeugt sich andauernd und er muss das Gespräch beginnen. Ich frage ihn, ob ich was falsch mache, weil ich seit Jahren regelmäßig mit und ohne Gruppe meditiere und nicht die Spur von gefühlsmäßigen Höhen und Tiefen durchlaufe wie anscheinend viele andere. Ich finde es erholsam, morgens macht es mich wach, bei so einem Seminar genieße ich die Gemeinschaft und die Stille, aber das war’s dann auch schon. Keine Tränen, keine Gefühlsausbrüche, keine überraschenden Botschaften aus dem Unterbewusstsein, nix. Ich sitze halt da und fühle mich wohl oder langweile mich oder denke irgendwas zusammen oder beobachte meinen Atem, Körper und versuche, präsent zu sein. Mehr passiert da nicht. Er ist ein bisschen ratlos und meint, ich soll weiter üben oder vielleicht sei Meditation nicht mein Weg. Oder ich habe so starke Barrieren zwischen Kopf und Bauch, dass irgendwann alles auf einmal aufgeht. Tja. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Abends gehe ich eine Runde spazieren und entdecke die Tierwelt im Urwald.

Wir meditieren weiter. Alles läuft prima, bis zum nächsten Vormittag. Da bekomme ich eine email, über die ich mich maßlos ärgere. Ich Depp hab natürlich wieder zwischendurch auf’s Handy geschaut. Da hat man schon kaum Netz und miserablen Internetzugang und kann sich immer noch nicht beherrschen. Ab da war es dann aus mit der beschaulichen Kontemplation. Der Ärger kreist den ganzen Vormittag in meinem Kopf rum, Konzentration auf den Augenblick unmöglich. Also doch Zugang zu den Gefühlen, nichts mit Gelassenheit.

Beim Mittagessen dürfen wir dann endlich reden und die anderen kennen lernen. Es ist interessant: man sitzt zwei Tage mit 10 Leuten in einem Raum und starrt den Fußboden an, ohne einen Satz mit denen zu sprechen und hinterher fühlt man sich verbunden, als wäre man seit Jahren befreundet. Absolut spannend. Alle sind sich einig, dass das eine extreme Erfahrung war, körperlich und geistig. Manche sind an ihre Grenzen gekommen, vor allem das lange Sitzen hat die Leute erschöpft.

Ob ich das nochmal machen würde? Na klar! In Zeiten totaler Anspannung oder beruflichen Overkills ist das die ideale Übung, um runterzukommen. Allerdings würde ich mein Handy ganz ausschalten, um wirklich weg von allem zu sein. Ich denke aber, länger als 1,2 Tage wäre mir dann doch etwas fad. Wer weiß.

Schweigen vs. Sangria

Tag 5

Nach der Morgenmeditation, immer noch schweigend, rief  der gegenüber liegende Berg. Der Aufstieg wurde belohnt mit einer grandiosen Aussicht über Lluc de Mar und Palma bis ans Meer. Keine Menschen weit und breit, Zeit für Stille und zum Nachdenken, es hat seine Vorteile, in der Vorsaison zu reisen. Allerdings glaube ich nicht, dass hier überhaupt irgendwann viele Leute unterwegs sind, zu unwegsam ist der Pfad.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Von der Hochebene aus hat man einen wunderbaren Blick auf unsere Einsiedelei.

Die Gedanken kommen und gehen.  Gefühle sortieren sich weiter. Vieles ordnet sich neu und führt zu überraschenden Erkenntnissen. Auch manche Erlebnisse in Australien bekommen einen Sinn, stellen sich in einen Zusammenhang mit den Ereignissen im letzten Jahr. Mehr Klarheit.

Wir schweigen noch bis zum Mittagessen. Größere Schwierigkeiten damit hatte keine, einige sind froh, wieder reden zu dürfen, andere – so auch ich –  hätten gern noch ein, zwei Tage so verbracht. Alles in allem eine eindrückliche Erfahrung für alle.

Nach dem Essen versorgt uns ein Strandspaziergang  mit frischer Brise. Das Wasser ist eisig, die Luft kühl. Zum Laufen am Ufer ideal, allerdings hat keine das Gefühl, sich ausziehen zu wollen.

 

Ausgelüftet beschließen wir den Schweigetag mit einer Sangria in der Beach-Bar. Danach geht’s nochmal nach Palma zum Schuhgeschäft. Die Welt hat uns wieder.

 

Stille

Tag 4

„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“. Reinhold Niebuhr, amerikanischer Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler

Wir beschäftigen uns weiter mit unseren Gefühlen, das Ziel ist, zu lernen, alle anzunehmen, auch die unerwünschten. Es hat keinen Sinn, Gefühle zu unterdrücken oder zu beurteilen und zu bewerten, da der Mensch keinen Einfluss auf seine Gefühle hat, die durch Verdrängung und Verleugnung ja nicht verschwinden, sondern im Unterbewusstsein weiter Schaden anrichten können. Die einzigen Elemente, die wir beeinflussen können, sind unser Denken und unsere Sichtweise, die sich dann auf unsere Gefühle auswirken.

Nach der Seminarstunde haben wir uns im großen Meditationsraum getroffen zu einer ausführlichen Body-Scan-Meditation. Dabei geht man die einzelnen Körperteile durch und konzentriert sich auf die Empfindungen, die man dort spürt (der Fuß liegt mit der Ferse auf dem Boden, die Wade ist platt…) und entspannt dann bewusst. Die meisten sind eingeschlafen oder jedenfalls fast und das ist ja ein gutes Zeichen dafür, dass die Entspannung funktioniert hat.

DSC07155

Dies sollte der Vorbereitung auf die nächsten 24 Stunden dienen, für die wir uns zum Schweigen verpflichtet haben.

Seit dem Mittagessen schweigen wir. Das bedeutet: nicht sprechen, nicht lesen, nicht schreiben, nicht fernsehen, kein Handy, kein Computer, wir sind allein mit unseren Gedanken und beobachten, was kommt. Die Übung ist, Gefühle wahrzunehmen und sie zu benennen. Das dürfen wir dann auch aufschreiben, aber nur das. Zur Einleitung hat Olga noch eine geführte Meditation gegeben, dann waren wir uns selbst überlassen.

Ich bin noch eine halbe Stunde sitzengeblieben und habe für mich weiter meditiert vor der großartigen Aussicht aus dem Meditationsraum.

Dann war ich einige Stunden spazieren, bergauf zu dem Kloster Cura, von dort über kleine Pfade auf der anderen Seite des Berges hinunter. An einer Stelle mit wunderschöner Aussicht habe ich ein paar Fotos von Blumen und Insekten gemacht und, die Natur genießend, meine Gefühle beobachtet.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Bisher nichts Dramatisches:  ich versuche, meine widersprüchlichen Gefühle zu sortieren, wie erwartet.  Wie innen, so außen? Außen – tiefer Friede in blühender Natur. Das Schweigen fällt mir leicht, ich genieße es, mich auf niemanden einstellen zu müssen und ganz bei mir sein zu können.

Alle waren abends in der Messe, die Hippolyt auf Mallorquin gelesen hat. Der Kontrast seiner sehr dunklen Haut zu seinem weißen Talar ist schon sehr dekorativ. Um die Messe für uns interessanter zum machen, hat er versucht, seine Predigt simultan vom Mallorquin ins Englische zu übersetzen, was geradezu rührend ist. Dass er die Messe auf Mallorquin hält, finde ich sensationell. Immerhin ist er erst ein Jahr hier.

DSC07103

Die Tigerkatze hier hat sich in mich verliebt. Sie kommt sofort an, wenn ich auftauche und klettert auf mich rauf. Ich kann sie nicht auf dem Boden liegend fotografieren, weil sie gleich aufsteht und schmusen will. Sie lässt sich nicht abschütteln. Total süß.

Nach dem Essen hat Olga noch vorgelesen, wie jeden Abend kannte sie einige Gute-Nacht-Geschichten. Sie tut alles, damit wir uns wohlfühlen. Wir fühlen uns warm und geborgen.